Partnerschaftsreise nach Tocantins - Kolping DV Speyer

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Partnerschaftsreise nach Tocantins

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„37 von 4700!“
Kolpingwerk leistet Pionierarbeit beim Aufbau einer Zivilgesellschaft in Brasilien – Zukunftsperspektiven für Menschen durch Bildung und Arbeit – Eindrücke von einer Partnerschaftsreise nach Tocantins / Nordbrasilien


Kaiserslautern (04.09.2014 / ko-tb). – „37 von 4700 Gemeindemitgliedern engagieren sich ehrenamtlich für die Menschen hier“, sagt der Bürgermeister von Riachinho, Fransergio Alves Rocha von der PT, der Partido dos Trabalhadores (Arbeiterpartei), der 2012 mit 55 % der Wählerstimmen in sein Amt gewählt worden ist. Er meint damit die Mitglieder der „Comunidade Kolping Irma Ana“ von Riachinho. Ehrenamtliches Engagement habe in seiner Gemeinde, aber auch in der gesamten Region des Bico do papagaio (Papageienschnabel), dem nördlichen Teil des brasilianischen Bundesstaates Tocantins, keine Tradition. Er selbst ist Kolpingmitglied und unterstützt diese Gemeinschaft, die als erste Vereinigung Menschen zum freiwilligen Engagement versammelt: Menschen, die sich selbst helfen, aber auch für die Menschen in ihrer Gemeinde, vor allem für die ganz armen, etwas erreichen und verändern wollen. Denn die Armut in diesem Teil Brasiliens ist sehr groß. „Wir sind arm, aber wir helfen denen, die noch ärmer sind“, sagt Leia Lima Sousa, die Vorsitzende der Kolpingsfamilie von Riachinho.

Fünf Kolpingmitglieder aus dem Diözesanverband Speyer waren zwei Wochen zu Gast bei den Kolpingsfamilien des „Obra Kolping Estadual do Tocantins“ (OKE/TO), mit dem seit 2010 ein Partnerschaftsverhältnis besteht. Die Reise führte den Diözesanvorsitzenden, Diakon Andreas W. Stellmann (Heßheim), und sein Frau Gabriele, den Brasilienbeauftragten des Verbandes, Walter Rung (Hochspeyer), Dolmetscherin Angelika Weis und Diözesansekretär Thomas Bettinger (beide Kaiserslautern) zu den „Comunidades Kolping“ von Palmas, Riachinho, Esperantina und Axixá. Zwischen der Landeshauptstadt Palmas und den Gemeinden im Norden liegen 500 bzw. 750 km, die die Gruppe mit Mietwagen zurücklegte. Bei durchschnittlichen Temperaturen von 38–40°C im „Land, in dem immer die Sonne scheint“, und nicht immer Straßenverhältnissen nach deutschem Standard war dies durchaus auch physisch eine Herausforderung. Die deutschen Kolpingschwestern und -brüder fanden überall ausgesprochen herzliche Aufnahme, die jeweiligen Abschiede waren berührend und von vielen Umarmungen geprägt. Erneut sind menschliche und freundschaftliche Bindungen entstanden, die der Partnerschaft über Äquator und Ozean hinweg Motivation und innere Kraft verleihen.

Auf ihrer Reise wurden die Speyerer begleitet von der Koordinatorin Rosalina Moreira de Jesus aus Palmas und der Referentin für die Projektkoordination des Nationalverbandes „Obra Kolping do Brasil“ (OKB), Regiane Silva de Lima aus Sao Paulo. So konnten die notwendigen Gespräche mit den zuständigen und sachkompetenten Personen geführt sowie eine effiziente Kommunikation und Zusammenarbeit der verbandlichen Ebenen sichergestellt werden. In Palmas war der Präsident von OKE/TO, Inácio Teixeira da Silva, stets präsent und wichtiger Gesprächspartner. Am letzten Tag der Brasilienreise konnte in Sao Paulo auch eine Begegnung mit dem Präsidenten des OKB, Wagner Carneiro de Santana, und dem Nationalpräses, Pe. Pedro Arnoldo da Silva, ermöglicht werden, bei der klärende Abstimmungen für die künftige Zusammenarbeit vorgenommen werden konnten.

Mit finanzieller Hilfe aus dem Diözesanverband Speyer erbaut die Comunidade Kolping (CK) Irma Ana ein Kolpinghaus, das im Frühjahr 2015 seinen Betrieb als Bildungs- und Sozialzentrum für Riachinho und Umgebung aufnehmen kann. Die Reisegruppe aus Deutschland konnte sich vom Fortschritt des Bauprojekts überzeugen. Neben einem Versammlungsraum, in dem vor allem Bildungsmaßnahmen durchgeführt werden sollen, wird eine Bäckerei ihre Arbeit aufnehmen, mit der die Kolpingsfamilie Einkommen erzielen kann. Die Kolpingjugend möchte eine „Lanchonete“, eine Art Café, einrichten, die, von jungen Menschen betrieben, durch den Verkauf von Backwaren und Fruchtsäften ebenfalls Einkommen generieren soll. Ein wichtiges Anliegen der Jugend ist es, einen Englisch-Sprachkursus durchzuführen. Über Michael Anderson Lima Sousa, der in Kaiserslautern eine Freiwilliges Soziales Jahr absolviert und Deutsch lernen musste, haben sie verstanden, wie wichtig es ist, eine Fremdsprache, mit der man weltweit kommunizieren kann, zu beherrschen. Wer Englisch kann, hat eine wichtige Schlüsselkompetenz erlangt und damit eine verbesserte Chance, einen Arbeitsplatz zu erlangen.

Bildung und Arbeit sind die Schlüsselbegriffe für eine Zukunftsperspektive der Menschen. Die Arbeitslosigkeit ist erschreckend hoch, für junge Menschen gibt es kaum eine berufliche Zukunft in diesem Teil Brasiliens. Das öffentliche Bildungssystem in dem Subkontinent ist weithin noch ungenügend. Eine gute Bildung kann helfen, die Chancen auf einen Arbeitsplatz deutlich verbessern. Die Kolpingsfamilien im „Papageienschnabel“ wollen in ihren Kolpinghäusern in Esperantina, das von einer Gruppe um Walter Rung 2008 erbaut wurde, Riachinho und Axixá, das ebenfalls - mit finanzieller Hilfe aus der Pfalz - kurz vor der Vollendung steht, deshalb auch Bildungsarbeit leisten, Grundbildung, berufliche Bildung, auch Kurse zu sozialen und politischen Themen anbieten. Viele junge Menschen hungern nach Bildung, wollen ihren Horizont erweitern, wollen an der modernen Welt partizipieren und sie mitgestalten. Die Schaffung von Einkommen ist der zweite Schwerpunkt der Kolpingarbeit: Die Bäckerei und „Lanchonete“ in Riachinho, das Hühneraufzuchtprojekt in Esperantina sowie die Herstellung von Handtaschen aus Kunststoffabfall, z.B. Plastikflaschen, in Axixá helfen Familien materiell zu überleben. Weitere Projekte sollen folgen.

In einer Region, in der die Menschen sehr arm sind, schafft die Armut weitere Probleme: Alkohol und andere Drogen haben vor allem die Männer im Griff der Abhängigkeit. Sie schaffen weitere Not und Elend, das vor allem die Frauen und Kinder zu ertragen haben. Kinderprostitution, Väter, die ihre noch minderjährigen Töchter zu sexueller Ausbeutung verkaufen, ist traurige Realität. So sind es auch die Frauen, die mehr als die Männer vom Bewusstsein getragen sind, dass sich was verändern muss. Ja, dass sie es selber anpacken müssen, wenn dies geschehen soll. Die meisten Kolpingmitglieder sind Frauen, und die Kolpingsfamilien werden von ihnen geleitet und bestimmt. In Esperantina sind es die Mitglieder der Kolpingjugend um den achtzehnjährigen angehenden Lehrer Lucas, die die Gäste aus Deutschland auf diese Problemzusammenhänge hinweisen. Sie wollen Angebote für Kinder und Jugendliche machen, die attraktiv genug sind, um sie vor dem entwürdigenden und tödlichen Kreislauf von Drogen und Prostitution fernzuhalten. Bildung, sinnvolle Freizeitgestaltung - in Brasilien ist das Musik und Tanz -, aber auch die Möglichkeit, ein eigenes Einkommen zu erzielen, wollen sie schaffen. Die Herstellung von Fruchtsäften haben sie schon gelernt, ebenfalls mit einer „Lanchonete“ wollen sie diese im Kolpinghaus verkaufen. Weitere Überlegungen möchten sie zu Projekten entwickeln und um entsprechende Zuschüsse bitten.

Auch in Axixá werden die Kolpingmitglieder aus der Diözese Speyer auf diese Probleme aufmerksam gemacht. Hier gibt es ein anderes Projekt zu Schutz und Förderung der Jugend, das die Kolpingsfamilie unterstützt: 80 Kinder und Jugendliche – Mädchen und Jungen – gehören einer Fußballschule an. Hier wird regelmäßig in verschiedenen Klassen trainiert und auch in den offiziellen Ligen gespielt. Der Trainer ist Kolpingmitglied und macht dies seit vielen Jahren ehrenamtlich, ohne öffentliche Unterstützung. Die Arbeit ist nachhaltig und erfolgreich: Ein früherer Schüler der „escolinha de futebol“ spielt heute in Marabá, in der ersten brasilianischen Liga. „Hier spielen die Weltmeister von morgen“, prognostizierte Andreas Stellmann nach zwei Fußballspielen, die zu Ehren der Gäste ausgetragen wurden. Die Fußballschule wird künftig im neuen Kolpinghaus ihre Heimstatt bekommen.

In Riachinho nahm die Gruppe an einer Sitzung des Gemeinderats, der Câmara Municipal, teil, in der Koordinatorin Rosalina und Diözesanvorsitzender Stellmann gemeinsam Kolping und seine Arbeit vorstellen konnten. Die Câmara stellte daraufhin einstimmig die Lizenz aus, dass die Kolpingsfamilie von Riachinho mit anderen Vereinigungen und Institutionen Verträge abschließen darf, auch mit ausländischen wie dem Kolping-Diözesanverband Speyer. Für die Kolpingsfamilie ist dies eine wichtige Anerkennung und öffentliche Wertschätzung. Bürgermeister Fransergio Alves Rocha bestätigte dies beim anschließenden Mittagessen, zu dem er die deutschen Gäste mit dem Vorstand der Kolpingsfamilie eingeladen hatte. Er sagte der Kolpingsfamilie zu, dass die Gemeinde die Strom-, Wasser- und Abwasserkosten für das Kolpinghaus übernehmen werde. Das ist nicht selbstverständlich. In Esperantina und Axixá beteiligen sich die Gemeinden nicht. Oftmals behindern die Kommunen sogar die ehrenamtliche Arbeit der Kolpingsfamilien. Wie überhaupt das Verhältnis zur Politik in Brasilien schwierig ist. Einziger Partner ist meist nur die Kirchengemeinde. Das Verhältnis zu den Pfarreien, vor allem zu den Pfarrern, ist aber gut und kooperativ. Hier hilft man sich gegenseitig.

Mit großer Freude haben die Gäste aus den „kalten Norden“ die Gottesdienste „im heißen Süden“ mitgefeiert: Bei aller Fremdartigkeit und lauten Vitalität der brasilianischen Eucharistiefeiern ist die gemeinsame Liturgie und das Brotbrechen vertraut und lässt alle sich als Schwestern und Brüder im Herrn erfahren. „Der gemeinsame Glaube, vielleicht das stärkste Band zwischen uns“, äußerte Diözesansekretär Thomas Bettinger. Diakon Andreas Stellmann konnte die zweistündige Messe am Altar mitfeiern und gemeinsam mit Koordinatorin Rosalina Kolping vor der überfüllten Kirche von Axixá vorstellen.

Kolping leistet in Tocantins Pionierarbeit: Es ist Vorreiter der Zivilgesellschaft, die es in den großen Städten, auch den Megastädten wie Sao Paulo und Rio de Janeiro, durchaus schon gibt: Menschen warten nicht mehr auf den Staat, sondern schließen sich in Eigeninitiative zusammen, um selber für sich und andere was zu tun. Sie tun das auch, um die Politik auf Missstände und Defizite aufmerksam zu machen und zu einem Handeln zu bewegen. In den „Comunidades Kolping“ lernen die Menschen politisch zu denken und zu handeln, sie lernen auch das politische Handwerkszeug. In Palmas kandidieren Kolpingschwestern und –brüder bei den anstehenden Wahlen zu Parlament und Senat in Brasilia. Bildung und Politik, Menschenbildung und Gestaltung des gesellschaftlichen Lebensraumes – diese für Kolping typische Verbindung entwickeln und entfalten die Kolpingsfamilien derzeit in Brasilien. Und die Schwestern und Brüder in Deutschland unterstützen sie dabei als Partner auf Augenhöhe. Und die Verbandsarbeit in Tocantins ist erfolgreich. Noch in diesem Jahr sollen drei weitere Kolpingsfamilien neu gegründet werden. Die Freude darüber ist groß. Anlässlich der Einweihung der Kolpinghäuser in Riachinho und Axixá im Juni 2015 wird es eine erste Begegnung mit einer Delegation aus dem Diözesanverband Speyer geben.

„Die Partnerschaftsarbeit soll keine Einbahnstraße sein“, sagt der Vorsitzende des Arbeitskreises Eine Welt / Brasilien, Walter Rung, der Motivator der Brasilienarbeit im Kolpingwerk Speyer. „Für uns ist es einfacher nach Brasilien zu reisen, als für unsere Kolpingschwestern und -brüder von dort nach Deutschland zu kommen.“ So hat er Zilda Silva Linharus Rasa aus Esperantina in die Pfalz eingeladen. Vier Wochen lang wird sie unser Land und seine Menschen, auch das Kolpingwerk und seine Kolpingsfamilien kennenlernen. Ihre Eindrücke wird sie mit nach Brasilien nehmen. Walter Rung ist sich sicher: „So unterschiedlich die Lebensverhältnisse hier und in Brasilien sind, das was uns verbindet, geistlich, spirituell, menschlich, verbindet uns über alle Unterschiede hinweg. Die Menschen in Brasilien haben alles mit uns geteilt, mit diesem Aufenthalt in Deutschland geben wir nur etwas von dem, was wir großherzig empfangen haben, zurück.“

 
 
 
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