Workcamp in Brasilien - Kolping DV Speyer

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Workcamp in Brasilien

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„Wir sind arm und helfen den Armen“
Junge Erwachsene der Kolpingjugend arbeiten in einem sozialen Projekt mitten in Brasilien – Workcamp im Bundesstaat Tocantins ein Zeichen der völkerverbindender Solidarität


Kaiserslautern (06.11.2013 / kokj-sst-tb). – Sie konnten es kaum erwarten, bis der Flieger in Frankfurt abhob: Sophia Stemmler aus Kaiserslautern-Erfenbach, Franziska Breitwieser aus Hettenleidelheim, Ramona Krämer aus Saarbrücken-Ensheim, Annika Bär aus Kleinkarlbach, Simon Schmid aus Grünstadt und Markus Gräser aus Ludwigshafen-Pfingstweide. Ins weit entfernte Brasilien sollte es gehen, um an einem Workcamp teilzunehmen. Fast einen Tag waren die jungen Erwachsenen der Kolpingjugend im Bistum Speyer dann auch unterwegs, bis sie über Sao Paulo und die Hauptstadt Brasilia den Zielflughafen Imperatriz / Maranhão (Brasilien) erreichten. Sie wurden von einheimischen Kolpingschwestern und -brüdern erwartet, unter ihnen der Vorsitzende der Kolpingsfamilie Riachinho, Balisa, und seine Frau Léia, die sie ins „nicht weit entfernte“ Dörfchen Riachinho im benachbarten Bundesstaat Tocantins brachten: 4 ½ Autostunden Fahrt! Dort wurden sie mit brasilianischer Freundlichkeit und viel Temperament empfangen, und trotz Schüchternheit auf beiden Seiten (auch wegen der fremden Sprache) verbrachten sie alle einen herzlichen Abend miteinander. Drei Wochen wollten sie nun hier verbringen und mit den Menschen leben und arbeiten, beten und feiern.

Der Bundesstaat Tocantins gehört zur Nordregion Brasiliens. Er liegt etwa zwischen dem 5. und 11. Breitengrad. Hier leben ca. 1,3 Mio. Menschen (etwa so viele wie in München) auf einer Fläche, die so groß ist wie Norwegen (oder etwa ¾ von Deutschland). Es existiert nur eine, unseren Autobahnen ähnlich gut ausgebaute Straße, eine Bundesstraße, die von Norden nach Süden führt. Die Bevölkerungsdichte liegt bei 5 Einwohner/km² - also eng ist es hier nicht. Intensive Vorbereitungen waren dem Einsatz in Brasilien vorausgegangen: An vielen Abenden und mehreren Wochenenden bereiteten sich die jungen Erwachsenen unter Leitung von Pfarrer Carsten Leinhäuser, dem Geistlichen Leiter der Kolpingjugend in der Diözese Speyer, auf die Begegnung mit dem riesigen Land unter dem Kreuz des Südens vor. Leinhäuser hat selbst als junger Erwachsener 1999 an einem Arbeitseinsatz in Minas Gerais / Brasilien teilgenommen und ist von Land, Menschen und Kultur begeistert. Er hatte auch die organisatorische Vorbereitung des Workcamps übernommen. Die Gruppe lernten Land und Geschichte, die wirtschaftliche und soziale Situation kennen, informierten sich über Religion, Mentalität, Kultur und Lebensweise der Menschen. Auch sprachliche Studien standen auf dem Programm, schließlich mussten sie allein vor Ort, meist ohne Dolmetscher die Verständigung und Kommunikation bewältigen. Aber sie meisterten das!

Die nächsten Tage wurden für alle sehr spannend. Die sechs Gäste wurden zunächst in vier Gastfamilien, die allesamt der Kolpingsfamilie, d.h. der „Comunidade Kolping Irmã Ana“ von Riachinho, angehören, aufgeteilt. Schnell wurden sie wie die eigenen Kinder angesehen und behandelt. Gleich am ersten Tag ging es zum kleinen Fluss der Stadt, um ein wenig abzukühlen. Die jungen Deutschen mussten sich nicht nur an die Leute, sondern auch an die Hitze gewöhnen. Tocantins gehört zu den „heißesten“ Bundesstaaten Brasiliens: Durchschnittstemperatur 35 ° C.

Als Aufgabe war der Gruppe die Mitarbeit in einem sozialen Projekt gestellt. Die Kolpingsfamilie in Riachinho hat die Verantwortung dafür übernommen, an die Ärmsten in der Gemeinde Lebensmittel zu verteilen. Diese Lebensmittel stellt die Regierung zur Verfügung. Die verschiedenen Nahrungsmittel müssen abgeholt, dann sortiert, gelagert und einmal pro Woche an die Bedürftigen verteilt werden. Bedürftig ist in Brasilien, wer im Monat weniger als 200 Reais also ca. 77 €UR zur Verfügung hat. Dieses Geld verteilt sich dann noch auf eine mindestens vierköpfige Familie. Die Ärmsten der Armen in Riachinho leben von gerade mal 28 Reais (das sind ca. 12 €UR) pro Person im Monat. Und hier packten die Kolpingleute aus Deutschland fest mit an: Registrierung der Zuteilungsberechtigten, Einteilung der Essensmarken, Auf- und Zuteilung der Nahrungsmittel. Bewaffnet mit Handschuhen, Haube und Messer rupften sie Hühner, zerteilten Rinderhälften, schnitten das Fett weg. Das Fleisch, in Portionen geschnitten, wurde zu Balisas Haus gebracht. Dort kam eine Ladung Kürbisse, Papayas, Maniok und Bohnen dazu, die im Hausflur bereit gelegt wurden. Die Familien kamen mit eigenen Tüten, die mit den Lebensmitteln gefüllt wurden. Sie  trugen sich in eine Art Kassenbuch ein, was meistens die Kinder übernahmen. Allerdings nicht, wie die Freunde aus der Pfalz anfangs dachten, weil die Eltern das toll fanden, sondern weil die meisten der Erwachsenen nicht schreiben konnten. Gerne hätten die Pfälzer jeden Tag Lebensmittel an die Armen auf dem Dorf ausgeteilt, aber die Kolpingsfamilie bekommt nur in ganz unregelmäßigen Abständen Lebensmittel, die sie weitergeben kann.

Seit Sommer baut die Kolpingsfamilie Riachinho an ihrem Kolpinghaus. Das Projekt des Hausbaus wird vom Kolping-Diözesanverband Speyer finanziert. Bei Ankunft der jungen Deutschen hatte man gerade mit dem Bau begonnen. Die beiden Männer der Gruppe halfen mit beim Ausheben des Fundamentes. In einem längeren Gespräch erfuhr die Workcamp-Crew von Léia, dass mit der Fertigstellung des Hauses die Lebensmittelverteilung nicht mehr in ihrem Hausflur stattfinden muss, und sie dann das Fleisch direkt im Kolpinghaus abkochen könnten. Dies sei sehr wichtig, erstens wegen der Haltbarkeit und zweitens, weil viele der teilnehmenden Familien keine Möglichkeit haben, das Fleisch selbst zu kochen. Sie bereiten es deswegen immer über einem Lagerfeuer zu.

Das neue Kolpinghaus soll ein Bildungs- und Sozialzentrum werden. Laut Balisa werden hier künftig Kurse zur Alphabetisierung sowie Handwerksaus- und Fortbildungskurse angeboten. Aber auch Kurse zur landwirtschaftlichen Entwicklung wird es geben, ebenso politische, soziale, medizinische und religiöse Bildungsarbeit. Das Zentrum wird auch ein Ort der Versammlung, des Feierns und – Betens sein. „Bete, lerne und arbeite!“ Dieses Leitwort Adolph Kolpings wird einmal über dem Haus stehen. Und es wird zu einem Entwicklungszentrum für die ganze Region werden.

Obwohl die Menschen, mit denen die jungen Kolpinger aus der Pfalz lebten, selbst so arm waren, dass sie in der Großstadt in Favelas wohnen müssten, strahlten sie eine große innere Zufriedenheit aus, ganz gleich wie einfach ihr Haus gebaut ist – viele leben in Lehmhütten – und wie wenig sie besitzen. Mit Tränen in den Augen sagte Léia: „Wir sind arm und helfen den Armen!“ Wenn sie gerade nicht arbeiteten, was öfter der Fall war, besuchten die Deutschen die verschiedensten Leute in Riachinho. Zu zwanzigst auf der Ladefläche des Pickups ging es ans andere Ende des Dorfs - ein riesiger Spass. Alle, die sie besuchten, selbst die Ärmsten in der Gemeinde, waren über die Maßen gastfreundlich und bedankten sich für die „Ehre“ dieses Besuchs.

Eine Überraschung war der Besuch von Pfarrer Carsten Leinhäuser, der nach seinem „Dienstbesuch“ beim Weltjugendtag in seinem Urlaub für ein paar Tage „vorbeischaute“. Er feierte mit ihnen und den Kolpingmitgliedern von Riachinho Eucharistie – auf Portugiesisch.

Die Abende verbrachten die jungen Erwachsenen meist gemeinsam im Haus von Léia und Balisa, dem Kolpingvorsitzenden, bei sehr gutem Essen, Musik und Tanz, Kartenspielen und Caipirinha. Trotz mancher Sprachhürde kam es zu tiefgründigen und einsichtsreichen Gesprächen. Öfters verbrachten sie einen Tag an den unterschiedlich großen Flüssen der Region gemeinsam mit ihren Gastfamilien und den Mitgliedern der Kolpingsfamilie. Mit der Zeit haben sie dann ihre Gastgeber sehr ins Herz geschlossen, und so fiel ihnen der Abschied nach zwei (!) Festen - eines von den Brasilianern für die Gäste und eines von den Gästen für die Brasilianer - sehr schwer und es flossen viele Tränen.

Auf dem Weg zum Flughafen besuchten sie gemeinsam mit der Koordinatorin des Obra Kolping do Tocantins, Rosalina Moreira de Jesus aus der Landeshauptstadt Palmas, und deren Sohn Wenes die Kolpingsfamilien in Esperantina und Axixá. In Esperantina übernachtete die Gruppe im Kolpinghaus, das 2008 mit Hilfe einer Erwachseneneinsatzgruppe aus Hochspeyer unter der Leitung von Bürgermeister Walter Rung und Pfarrer Jörg Stengel (Weilerbach) errichtet worden ist, und verbrachten einen Tag mit der Jugend am Strand. Natürlich besichtigten sie das im Verband berühmte „Hühnerzuchtprojekt“. Das Kolpinghaus in Axixá ist derzeit im Bau. Es wird ebenfalls vom Kolpingwerk im Bistum Speyer finanziert. Die Gruppe konnte sich von den Baufortschritten überzeugen.

Ihre vierte und letzte Woche in Brasilien verbrachte die Crew in Foz de Iguacu bei den zweitgrößten Wasserfällen der Welt – sie sind wirklich atemberaubend. Der letzte Stopp vor der Heimreise war Rio de Janeiro. Dort genossen sie die Attraktionen Christusstatue auf dem Corcovado, Ipanema und Copacabana, das Meer und das Leben in Rio. Viel zu schnell verging für sie alle die Zeit, jeder von ihnen trägt mit den Erinnerungen ein Stück Brasilien in seinem Herzen. Alle sind sich ganz sicher: „Wir kommen wieder!“

 
 
 
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